Notizen eines Sympathisanten

 

Hartmut Rosa, Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. (Suhrkamp) Berlin 32026

 

 

Ein weiteres Buch (der Verlag hat sogar einen Festeinband spendiert)! Nach „Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ (Suhrkamp stw 1760, Frankfurt am Main 92012) und „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“, (Suhrkamp, Berlin 21916) unternimmt Rosa einen nächsten Schritt, sein begriffliches Handwerkszeug zu Erkenntnis, Darstellung und – durchaus auch normativer – Kritik menschlicher Weltbeziehung zu erweitern.

Zur titelgebenden Terminologie weiter unten mehr. Rosa beruft sich dafür auf (lt. Literaturverzeichnis nur wenige kleinere) Arbeiten von Hermann Schmitz – erstaunlicherweise nicht auf dessen umfängliches „Situationen und Konstellationen. Wider die Ideologie totaler Vernetzung“, (Verlag Karl Alber, Freiburg 2005).

  • Das Kapitel III [„und jetzt systemisch und systematisch:…“] eröffnet er mit der kurzen Rekapitulation „Die Soziologie der Weltbeziehung, die ich in meinen Arbeiten zu entwickeln versuche, fragt danach, auf welche Weisen Menschen auf die Welt, in der sie stehen, (aktiv) Bezug nehmen und (passiv) immer schon bezogen sind“ (S. 47). Leicht irritierend die Reihenfolge in der Schlusspassage dieses Satzes: ein (leicht zu behebender) lapsus linguae ?

Nimmt man beim Wort, wie Rosa (in „Resonanz“, schon ‚anfänglich‘ S. 66) das Begreifen der Mensch/Welt-Beziehung – antisubjektivitätstheoretisch, phänomenologisch inspiriert – als Interrelation ansetzt, wäre die umgekehrte Reihenfolge zu erwarten gewesen. Denn in diese Interrelation ist ein charakteristisches prevenir des „Welt“-Pols ‚eingebaut‘ (sinnreich platziert Rosa an zwei Stellen des „Resonanz“-Buches [S. 435.86] das -Zitat „Etwas ist da, etwas ist gegenwärtig“): in der Resonanz gibt der Welt-Pol den Ton vor, auf den der Mensch-Pol „antwortet“ – und die Wendung „immer schon bezogen sind“ in der herangezogenen Rekapitulation legt genau dazu die Spur.

Die Einbettung in dieses Begriffs-Arrangement ist es auch, die die Funktion der neu eingeführten Kategorien „Situation“ und „Konstellation“ entsprechend umreißt. Zwar – als Begriffe – fraglos Leistungen des Mensch-Pols, bestimmen doch sie als Formierung des Welt-Pols den spezifischen Charakter der Interrelation: als „Situation“ disponiert der Welt-Pol die Aktivität des Mensch-Pols zu „Handeln“, als „Konstellation“ zu „Vollziehen“. So oder so regiert der Welt-Pol, wie sich das Ganze „anfühlt“.

  • Blicken wir näher auf die Kategorien „Situation“ und „Konstellation“.

Zunächst: nur bedingt plausibel sin die Termini. Sie sind erkennbar von vornherein vorgesehen als Bezeichnungen eines Sachverhalts in der „Weltbeziehung“, der als dadurch sowohl deskriptiv markiert zu betrachten sei als auch als moralisch besetzt gelten soll – ohne dass diese (v.a. die moralischen!) Konnotationen sich aus der Metaphorik des Terminus ergäben. Vielmehr werden sie ihnen, bei wie bei , sekundär zugeschrieben. Wobei namentlich „Konstellation“ und das korrespondente „Vollziehen“ als theoretisch abzulehnen und, bei , auch gesellschaftspraktisch zu bekämpfende Projektion der „Weltbeziehung“ gilt.

Anders als Schmitz, der „Konstellationen“ lediglich kontrastiv zu „Situationen“ als irregeleitete Weltauffassung ‚aufbaut‘, weiß Rosa die für gesellschaftliches Welt-Leben auch produktive Leistung von „Konstellation“ (und „Vollziehen“) zu würdigen. Dabei gilt auch bei : diese Produktivität bleibt apriori beschränkt auf Bereiche, in denen Wissen genügt, das sich am Ideal monologisch-nomothetisch gewonnener Regeln orientiert.

  • Das leitet – zweitens – über zur Frage nach der qualitativen Unterscheidung des mit „Situation“ bzw. „Konstellation“ Bezeichneten. Zeichnet sich „Situation“ aus durch Vorrang des Respekts vorm Da- und So-sein des „Einzelnen“ – und das an beiden Polen der Weltbeziehung -, so „Konstellation“ durch Vorrangigkeit des Respekts vorm „Allgemeinen“. Oder, in Rosas eigenen Worten entfaltet: „Situationen sind in ihren Bestimmungen und daher auch ihrer Reichweite, das heißt in der Bestimmung dessen, was alles zu ihnen gehört, konstitutiv unscharf, insbesondere an den Rändern. Sie bestehen aus einem Konglomerat von Sachverhalten und Zuständen[…], Erwartungen[…]und Möglichkeiten[…]. Situationen sind dabei auch immer mit spezifischen atmosphärischen Färbungen und Bewegungen verknüpft, die sich begrifflich kaum fassen lassen (48f).“ „Konstellationen […] bestehen aus (analytisch identifizierbaren) Einzeldingen und ihren Verknüpfungen, die dann im Sinne von Zweck-Mittel- oder Wenn-dann-Korrelationen bearbeitbar gemacht werden.[…] durch die Auflösung von Situationen in faktorielle Konstellationen machen wir Situationen bearbeitbar, zurechenbar und gezielt manipulierbar“ (51). Die Rede von „Auflösung von Situationen“ macht unüberhörbar, dass „Situation“ für Rosa die – auch quasi ontologisch – vorgängige Bestimmung des Welt-Pols ist.

Indes bedarf es auch noch der Chance zu einer lebenspraktischen Unterscheidung zwischen „Situation“ und „Konstellation“. Argumentativ dienlich ist für , hierfür auf die moralphilosophische Tradition zurückgreifen zu können. hat seinen Begriff regelgeleiteter „Gerechtigkeit“ ausdifferenziert und ihm das normative Format „Billigkeit“ „zur Seite gestellt“ ( 53). In der narrativen Spur von s Ausdrucksweise mutiert das zur notorischen Formel „Augenmaß, Fingerspitzengefühl, Urteilskraft“ und wird in Kapitel IX in Bezugnahme auf die ‚brasilianischen‘ Maximen „Jeitinho und Jugaad“ aufgenommen: ein für Rosa argumentationsstrategisch bedeutsames Begriffsinstrument (wie sich nicht zuletzt dem „Register“ [S. 239ff]-entnehmen lässt). Wo und wann immer dessen Unschärfe zur Orientierung in der „Weltbeziehung“ ‚passt‘, kann sich der Mensch-Pol als in einer „Situation“ befindlich und seine Aktivität als zum „Handeln“ disponiert erfassen.

  • Im Unterschied zu manchen anderen Sozialwissenschaftler*innen, die sich etwas zugute halten auf die – mehr oder weniger max-weberisch motivierte – „Wertfreiheit“ ihres analytischen ‚Bestecks‘, scheut Rosa nicht die moralische Imprägnierung seiner Beschreibung des sozialen Lebens. Genügte im Hauptwerk „Resonanz“ die Orientierung am globalen Ideal des „guten Lebens“, so spitzt er die im vorliegenden Buch zu zur zeitgenossenschaftlichen Sorge ums „Verschwinden des Spielraums“ (vgl. Untertitel!). „Spielraum“ bzw. „-räume“ – schon bei Aristoteles erforderlich für eine Lebensführung nach „Billigkeit“ und lt. Rosa für Gefühl des „guten Lebens“  (begründet in der Befähigung zum „Handeln“ in „Situationen“) – werden durch die Überschwemmung mit „Konstellationismus“ (diese ins Despektierlichere abdrehende Wortbildung Schmitz‘ greift Rosa bisweilen auf, so 48 u.ö.) eliminiert. – Ihr zu wehren gilt es, umwillen der Menschlichkeit auch „gegen die Regel“ (68).

Nachbemerkungen:

In diesem 'neuen Buch' fallen die vermehrt platzierten "Geschichtchen"  auf - man kann sie lesen als Versuch eines Nachweises, dass "Soziologie" mit dem "echten Leben" zu tun hat (statt den Argwohn, verdeckte Agentin des "Konstellationismus" zu sein, auf sich zu ziehen).

Jedenfalls als Buch-Autor gehört Rosa zu den passionierten und begabten Danke-Sagern. Davon zeugt nicht nur das notorische „Dank“-Kapitelchen am Buchschluss, sondern die kontinuierlich fußnotenweise eingestreute Reverenz vor sonst namenlos bleibenden Jenenser Studierenden, die diesen oder jenen Literaturtipp beigesteuert, diesen oder jenen Einfall zur Geltung gebracht oder befeuert hätten.