ein Denkanstoß nur...:

 

Das Werden der GEKE: ein Langzeitprozess. Weitere Versuche, das spezifisch Evangelische gemeinsam auszudrücken, diesseits eingelebter Gewohnheiten des Nicht-katholisch-seins. In den 2000er Jahren drängte sich die Frage auf, wie im Zuge des auch politischen Zusammenwachsens zu Einem Europa Pfarrer einer GEKE-Kirche auch in einer anderen GEKE-Kirche würden beschäftigt werden können. Aber wer heißt eigentlch in den diversen GEKE-Kirchen "Pfarrer"? Zur Beantwortung dieser Frage wurde die Inszenierung einer mehrjähigen "Konsultation" verfügt, an der der Bücherhamster anfangs beteiligt war, mit einem Mosaiksteinchen. 

 

 

Konsultation der GEKE in Kooperation mit der EKD

Theologische Ausbildung für das ordinationsgebundene Amt

in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa

vom 20. bis 23. November 2008 in Berlin

 

Workshops: Gemeinsame Konzeptionen und Konzepte für die Gestaltung theologischer Ausbildung in der GEKE

Samstag, 22. November 2008, 11.00 bis 12.30 Uhr

Workshop „Spiritualität“ (Leitung: OLKR Dr. Frithard Scholz)

 

Impuls zur Einführung:

 

  1. Bis heute in Geltung stehen in den Gliedkirchen der EKD die „Grundsätze für die Ausbildung und Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer der Gliedkirchen der EKD“, die die Gemischte Kommission für die Reform des Theologiestudiums 1988 – zunächst als Grundlage für eine öffentliche Diskussion – veröffentlicht hat. Die umfangreiche und sehr kontroverse Diskussion ist 1993 mit einer zusammenfassenden Stellungnahme der Gemischten Kommission dokumentiert worden. Einzelheiten aus diesem 15 bis 20 Jahre zurück liegenden, auch sehr deutschen, Prozess brauchen uns hier nicht zu beschäftigen.
  2. Wichtig für uns hier erscheint mir nur ein Kernmotiv: Die Gemischte Kommission hatte sich den Leitbegriff „Kompetenz“ zu eigen gemacht, selbstbewusst präzisiert und damit die professionellen Aspekte der Pfarrer/-innen)-Ausbildung akzentuiert – scheinbar auf Kosten der personalen Qualität derer, die ins Amt berufen werden sollen. Aber das scheint nur so.

Pate gestanden hat dabei offensichtlich eine Schlüsselthese des seinerzeitigen Co-Vorsitzenden der Gemischten Kommission, Eilert Herms: „Die entfaltete, theoretisch ausgearbeitete persönliche Identität des Theologen ist das einzige Steuerinstrument seiner kompetenten beruflichen Praxis.“ Sie verbindet in überzeugender Weise die Vorstellung professioneller, auf den Erwerb habitualisierter Fertigkeiten ausgehender Ausbildungsprozesse mit dem klassisch anmutenden, nur personal artikulierbaren Ideal der „Bildung“ – in diesem präzisen Sinne ist von gebildeter Identität zu sprechen.

Daran zu erinnern mag nicht unangebracht sein in einer Phase, da in Deutschland eine grundstürzende Reform des Theologiestudiums ‚in Arbeit’ ist – ganz im Banne des Bologna-Prozesses mit dessen klarer Option für die berufs-ausbildende Funktion des Hochschulstudiums überhaupt und gegen das Humboldtsche Modell der Universität als eines Orts und Rahmens für Bildungsprozesse.

  1. Es liegt auf der Hand: „Theologische Ausbildung für das ordinationsgebundene Amt“, wie sie uns hier beschäftigt, als Organisation von Bildungsprozessen wird nicht auskommen ohne eine bewusste Pflege von „Spiritualität“.

Verstanden sei darunter die Übung und Einübung in Formen individuell religiöser Praxis, die in, mit und unter der Erfahrung der Bildung durch (theologische) Wissenschaft die Integration persönlicher Motive zum Studium und späteren Beruf fördern.

  1. Damit ist die – nie spannungslose – Einheit von Person und Amt angesprochen. Die 2004 von der Synode meiner Heimatkirche (EKKW) beschlossene Studie „Das Amt des Pfarrer und der Pfarrerin in der modernen Gesellschaft“ drückt es so aus: „Von Pfarrerinnen und Pfarrern wird erwartet, dass sie Gottes heilsame Zuwendung zu den Menschen auch für sich selbst gelten lassen. Der persönliche Glaube begleitet alle pfarramtliche Arbeit. Dabei ist der Glaube kein fester Besitz, den man sich einmal aneignet und dann unverändert behält. Glaube ist der lebendige Prozess, in dem die Ereignisse des eigenen Lebens wie auch der Welt vom Lichte des Heils durchdrungen werden. Je nachdem wie dies geschieht, kann Glaube stärker oder schwächer, schwieriger oder leichter, ermutigend oder auch belastend sein.“
  2. Aber wie kann diese Integration ‚persönlichen Glaubens’ mit der Erfahrung der Bildung durch Einsichten theologischer Wissenschaft im Prozess „theologischer Ausbildung für das ordinationsgebundene Amt“ erfolgen? Das lenkt den Blick auf die strukturellen Bedingungen dieses Prozesses.
  3. Aus eigenen Erfahrungen kann ich nur von den deutschen Verhältnissen sprechen – und ich hoffe, dass die Gesprächsrunde das Bild um viele europäische Facetten bereichern wird.

In Deutschland hat die Ausbildung junger Leute fürs ordinierte Amt zwei Phasen: das wissenschaftliche Studium der Theologie, das regelhaft an Theologischen Fakultäten staatlicher Universitäten stattfindet, und die von den Kirchen verantwortete praktische Ausbildung fürs Pfarramt in Predigerseminaren bzw. Kirchengemeinden (durch sog. Mentoren). Davon war gestern schon die Rede. Dieses System bringt mit sich:

Der Eintritt ins Theologiestudium ist ausschließlich an die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung gebunden – das Abitur (Abschlusszeugnis des Gymnasiums nach 13 Jahren Schule). Eine Auswahl der Theologiestudierenden durch die Kirchen findet aus strukturellen Gründen nicht statt. Weder Eigenart noch Intensität der persönlichen „Frömmigkeit“ des einzelnen spielt eine Rolle für die Zulassung zu einem Bildungsweg, der auf Befähigung und Bereitschaft zur Übernahme eines Pfarramts führen soll.

Die Kirchen organisieren „Listen“ der Theologiestudierenden aus ihrem Einzugsbereich; sie dienen aber lediglich als Grundlage zur Kontaktpflege: Angebote der Studienberatung, Einladung zu Tagungen, Vermittlung von Praktika (dass ein sog. Gemeindepraktikum obligatorische Voraussetzung für die Zulassung zur Ersten Theologischen Prüfung ist, ist noch die intensivste Form der Verknüpfung von kirchlichem Leben und Hochschulstudium). Der Abschluss des Hochschulstudiums durch die Erste Theologische Prüfung vor einem Kirchlichen Prüfungsamt – Vorsitz durch den Bischof oder einen Beauftragten, Prüfungsvollzug durch dazu kirchlich berufene Hochschullehrer – ist in der Regel hinreichende Voraussetzung für die Zulassung zur Zweiten – kirchlichen – Ausbildungsphase (Vikariat).

Eine Auswahl von Pfarramtskandidaten durch die Kirche nach personenbezogener Eignungsbeurteilung erfolgt allenfalls an dieser Zulassungsschwelle. Dies erfolgt indes mit großer Zurückhaltung – in Respekt vor dem Werk der Hochschullehrer, deren staatlicher Berufung ins Lehramt regelhaft eine kirchliche Zustimmung vorausgegangen ist. Erst die Aufnahme ins Vikariat ermöglicht den Kirchen einen stärkeren Einfluss auf die auch persönliche Prägung der angehenden Pfarrer/innen – vor allem durch die Institution des Predigerseminars.

Dieser Zusammenhang und diese Differenz zweier Ausbildungsphasen hat spürbare Konsequenzen für unser Thema.

  1. Von dem Praktischen, später: Systematischen Theologen Wolfgang Trillhaas stammt das Diktum: „Es ist nicht so wichtig, wie die Theologiestudenten in das Studium hinein kommen – wichtig ist vor allem, wie sie aus ihm herauskommen.“ Damit ist ein hoher Anspruch formuliert: Ganz gleich, mit welcher persönlichen Einstellung zu Bibel, Gott und Kirche einzelne das Theologiestudium aufnehmen – die Lehrer der wissenschaftlichen Theologie trauen sich zu, sie binnen 6 Jahren zu einem habitus heranzubilden, der sie befähigt, „im Lichte der angeeigneten Lehre die gegebene Situation des Amtes zu begreifen, ihre gegenwärtigen Aufgaben (Probleme) zu erkennen, sowie Lösungen zu entwerfen und durchzuführen“, zunächst im ‚Pfarramt auf Probe (zweite Ausbildungsphase = Vikariat) und sodann, wenn’s gut geht, im eigenen Pfarramt. Dazu gehört nicht zuletzt (Stichwort: Aneignung!), dass die angehenden Pfarrer „auch für sich den Inhalt der kirchlichen Lehre – das Wirklichkeitsverständnis des christlichen Glaubens – als den maßgeblichen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang für alle Maßnahmen und Entscheidungen [ihrer] Amtsführung gebrauchen können“ (beide letzten Zitate aus: „Grundsätze für die Ausbildung und Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer der Gliedkirchen der EKD“).
  2. Der so verstandene Bildungsprozess, der als Roter Faden beide Ausbildungsphasen durchzieht, muss unterschiedliche Motive zum Theologiestudium zu einer weiter führenden (und tragenden!) Einheit integrieren. Was veranlasst junge Menschen heute – in Deutschland übrigens seit ca. 10 Jahren mehrheitlich junge Frauen – für sich das Theologiestudium mit dem Berufsziel „Pfarramt“ zu wählen? Und was kann sie anleiten, ihre „Spiritualität“ zu pflegen?

So verschieden die Motive zum Theologiestudium, so verschieden auch der Formen der Pflege von Spiritualität (im Sinne von These 3)! Das legt die Maxime nahe: Eines schickt sich nicht für alle (alte deutsche Redensart).

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lassen sich typische Studienmotive benennen:

  • ich habe als Mitarbeiter im Kindergottesdienst / der Leitung einer Jugendgruppe / etc.etc. meiner Kirchengemeinde gemerkt, wie viel es mir bedeutet, anderen davon zu erzählen, wie wichtig mir Gott ist
  • ich habe durch meinen Religionsunterricht in der Schule verstanden, wie Nachdenken über die Fragen des Lebens im Lichte der Bibel einen weiterbringt
  • ich möchte gerne „Menschen helfen“, im christlichen Glauben ihr Leben zu bewältigen
  • als meine Schwester mit 14 gestorben ist, war ich fertig mit der Kirche und ihren perfekten Antworten; da hat mich aber weiter beschäftigt, und ich möchte mehr verstehen
  • mein Pfarrer / mein Pfarrerin hat mich sehr beeindruckt: so jemand würde ich auch gerne werden

…und weiter: Formen der Pflege von Spiritualität:

  • ich lese in der Bibel – unabhängig von der Pflicht, in der nächsten Seminarsitzung über die Motivgeschichte von „Licht“ im Johannesevangelium zu referieren
  • ich bete immer wieder, spreche vor Gott aus, was mein Leben bestimmt und bedrängt
  • ich nehme gewöhnlich teil an den Gottesdiensten der Gemeinde meines Wohnorts
  • ich singe mit bei den Konzerten eines Kirchenchors und erfahre so den überalltäglichen Mehrwert des Evangeliums
  • ich führe regelmäßig Gespräche mit einem ‚geistlichen Begleiter’: einem Menschen, der mir auf dem Weg des Glaubens einen Schritt voraus zu sein scheint und den ich dafür gewonnen habe
  • ich schließe mich einmal im Jahr einer Gruppe an, die einen „Pilgerweg“ geht
  • ich treffe mich regelmäßig mit anderen in einem „Hauskreis“; da sprechen wir über Abschnitte aus der Bibel und bringen sie im Gespräch mit unserem Leben zusammen
  • ich mache mit in einer Gruppe, die immer wieder Gottesdienste vorbereitet und gestaltet, die anders sind als die gewöhnlichen
  • ich suche bei Studententagungen der Landeskirche das Gespräch mit anderen; da geht es immer wieder um den Zusammenhang von Studium und persönlicher Lebensgeschichte
  • ich pflege Körperübungen, spüre meinem Atem bewusst nach und erlebe mich als Geschöpf Gottes

Diese Formen individueller religiöser Praxis sind (in unterschiedlichem Ausmaß) gekennzeichnet durch ausgeprägte Körperlichkeit, unmittelbares Erleben, Beharrlichkeit des „Übens“ – und darin durch Einklammerung wissenschaftlicher Reflexion.

  1. Damit stehen sie in Spannung zu der „Praxis der Theorie“, zu der Institutionen theologischer Ausbildung anleiten. Um das eine mit dem anderen in einen Prozess zu integrieren, der wachsen lässt, was eingangs „gebildete Identität“ genannt wurde, bedarf es unterstützender Sozialformen. Die Differenz der beiden Ausbildungsphasen bestimmt und begrenzt die Chancen, solche Sozialformen zu gestalten, nahe zu bringen oder gar zu ‚organisieren’.

Die in Deutschland wirksame Struktur, das Theologiestudium an staatliche Universitäten zu binden, hat seine Ursprünge im sogenannten „Kulturkampf“ des 19. Jahrhunderts, in dem es dem Staat politisch gelang, Tendenzen der römisch-katholischen Kirche zur Abschottung der Priesterausbildung gegen Irritationen durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse zu brechen. Die evangelischen Kirchen haben es als förderliche Herausforderung angenommen, dass die Ausbildung ihrer Pfarrer in den Diskurs verschiedener Fakultäten über Fragen der Welt-Interpretation eingebettet ist – inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Den Studierenden wird auf diese Weise zugemutet zu lernen, wie das geht: „allezeit bereit [sein] zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ (1. Petrus 3, 15) – also gerade auch vor denen, die der Wahrnehmung des Lebens und der Welt im Licht des Evangeliums ablehnend gegenüber stehen.

Ein Bildungsprozess, der sich in einem Horizont von riskanter Weite vollzieht: viele Studierende genießen das, anderen macht das Angst. Manche nehmen an der Universität so viel Abstand von ‚der Kirche’, dass ihnen der Übergang ins Vikariat, das ‚Pfarramt auf Probe’ wie die Versetzung in eine fremde Welt vorkommt. Manche klammern sich an die ‚erlebte Kirche’ ihrer Jugendzeit so verbissen, dass ihnen umgekehrt die ‚Fragekultur’ theologischen Denkens dauerhaft fremd bleibt.

Denn auch das Predigerseminar, das die zweite Ausbildungsphase maßgeblich mitgestaltet, ist kein Kloster. Es fördert die gemeinschaftliche und theoriegeleitete Reflexion der im ‚Pfarramt auf Probe’ gemachten professionellen Erfahrungen, und es ermöglicht geistliches Leben auf Zeit in evangelischer Tradition – und das heißt auch: der individuellen Freiheit, Art und Ausmaß der Teilnahme an den hausüblichen Formen religiöser Praxis selber zu bestimmen.

  1. Am Ende ihres Ausbildungsweges sollen und wollen unsere Studierenden alle so disponiert sein, dass sie zur öffentlichen Bezeugung des Evangeliums „ordentlich berufen“ werden können. Dafür, dass die individuell-subjektiven Voraussetzungen dazu gegeben sind, trägt ein jeder, eine jede selbst Verantwortung.

Was können die Kirchen an Weiterem dazu tun, damit die einzelnen diese Verantwortung wahrnehmen können? Und was sollten sie weiterhin unterlassen?