Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2009
Annäherungen
Prima vista: Der ‚dickste‘ Wälzer eines einzelnen Verfassers in meiner Privatbibliothek, 1284 Suhrkamp-Seiten Text in der Übersetzung des – allein schon für seine Geduld – bewundernswerten Joachim Schulte [auf diese Ausgabe beziehen sich im Folgenden unbezeichnete Seitenzahlen].
Überhaupt ‚erzählen‘. Das kann Charles Taylor [im Folgenden kurz: CT] – und das muss er auch können. Um einen Vorschlag für die Lösung eines (nicht bloß historischen) Problems zu machen, das er – erst auf S. 51! – versprachlicht:
Warum war es im Jahre 1500 praktisch unmöglich, nicht an Gott zu glauben, während es im Jahre 2000 vielen von uns nicht nur leichtfällt, sondern geradezu unumgänglich vorkommt?
Um diese Frage zu beantworten, muss CT in dem seit 1000 (!!) Jahren Erinnerten hin und her gehen, die Begleitumstände des – in aller Regel: personalisierten – textlichen Erinnerns mitpräsentieren, sprich: ‚erzählen‘; sein abundantes Bescheidwissen und seine Reflexionslust Leser*innen des Wälzers bloß zur Schau zu stellen, würde nicht reichen. Derlei „schnell mal“ nach‚erzählen‘ zu wollen, wäre pure Anmaßung. Insoweit beansprucht das Folgende allenfalls den Status von Corollarien.
Aber vielleicht müssen wir uns noch vorsichtiger ausdrücken. Schon diese selbstkritische Zurückhaltung zeugt von der Wirkung der Lektüre von CT‘s ‚Wälzer‘ auf zeitgenössische Leser wie mich: Auffällt, dass CT oft, wenn er eine neue Kategorie in sein Erzählen einflicht, ein Spektrum seines semantischen Repertoires aufblättert, um sich hernach – leser-öffentlich begründet – für eine der in Frage kommenden Ausdrucksmöglichkeiten zu entscheiden. In diesem Sinne also: Die Bezeichnung des Folgenden als „Corollarien“ gäbe subkutan zu verstehen, der Leser habe das „Betriebssystem“ CT durchschaut und trage lediglich im ‚Wälzer‘ unausgesprochen gebliebene Implikationen nach. Davon soll keine Rede sein – sondern treffender von Mühen der „Annäherung“.
Viel zu lesender Buchtext! Lediglich folgende Bemerklichkeiten seien hervorgehoben:
Statt dem Modell des „Vermindertwerdens-um…“ [etwa: explizit religiöse Praktiken] zu folgen, fragt CT nach dem „Mehr-und-Anderen“, das die Neuzeit bzw. Moderne in ihrer Entpuppung dem chronologisch Vorangegangenen zugefügt hat. Und er erkennt es in der habituellen Optionalität von religiösem „Glauben“.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. […] Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit (Joh 1, 1f.14a)
Dementsprechend als „Exkarnation“ bezeichnet (und qualifiziert!) CT den ‚Großprozeß‘, der ‚Säkularität (3)‘ hervorgebracht habe und den er, nach Vorwehen im 13. Jh. durch die später als „Reformation“ bezeichneten Kontroversen des 16. Jh. entscheidend (?) vorangetrieben, „REFORM“ [im Buch konsequent in Großbuchstaben gesetzt] nennt. Die Qualifikation als „Exkarnation“ soll bewusst halten, dass und inwiefern ‚Säkularität (3)‘ sich von der Präponderanz der Körperlosigkeit her schreibe. Nebenbei bemerkt: hierin zeigt sich der – durchaus auch „kirchen“-gebundene – Katholizismus von CT.
Indem er hier Begriffe wie „Seinsweise“ oder „Netzwerk“ als Interpretamente nutzt, eröffnet CT eine vielsagende Korrespondenz seiner abschließenden Konsequenzen mit der weiter oben – durchaus sympathetisch – referierten κοσμος-Idee der Antike. Und er stiftet einen Bezug auf seinen Begriff vom lebenspraktischen (vielleicht sollte es richtiger ‚existenziellen‘ heißen?) Ideal, das er das „Ganze“, ja vorzugsweise die „Fülle“ (vgl. 18ff u.ö.) nennt – 20 Anm 8 spricht er vom „Kürzel für den angestrebten Zustand“. (Dies im Sinn, schreibt CT in demütiger Bewunderung, [dem britischen Poeten und Dichter] „Hopkins [sei] die Gnade einer seltenen Einsicht zuteil geworden“ [1264])
Nachbemerkung:
Das stärkste individuelle Motiv, mich lesend durch CT’s Wälzer durchzuarbeiten, ist das Interesse, dem gedanklichen „Betriebssystem“ von Hartmut Rosa auf die Schliche zu kommen (vgl. Hartmut Rosa, Resonanz, Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin [Suhrkamp], 22016). Dass die Denke von CT für den Entwurf seiner eigenen soziologischen Matrix ein leitender Bezugspunkt gewesen sei, bekundet Rosa ausdrücklich (vgl. insbesondere – und kritisch differenzierend! – Rosa ebd. 651 mit Anm 24).
Äußerlich auffällig an diesem Gedankenzusammenhang ist auf den ersten Blick, dass der Terminus „Resonanz“ bei CT praktisch keine Rolle spielt; er taucht in CT’s Wälzer lediglich 5x auf: 578. 597. 1111. 1123 sowie mehrfach wiederholt in der Passage 1254f! (manuell zusammengesucht, da der Verlag dem Wälzer leider kein Sach-/Begriffs-Verzeichnis beigegeben hat).
Wobei die Verwendung des Terminus bei CT (bzw. dessen Übersetzer) v.a. 578.597 bereits eine Brücke bildet zu dessen metatheoretischer Aufladung durch Rosa.
Über die Details im Wortgebrauch hinaus freilich liegen der Sache nach CT-Referenzen bei Rosa offen zutage.
Ob diese summarische Wendung CT’s als sublime Reverenz (nun doch!?) an Descartes‘ „maȋtre et possesseur de la nature“ gelesen werden soll oder als Handreichung für soziologische Praxeologie, mag getrost ‚auf einem anderen Blatt stehen‘.
© Frithard Scholz 20.05.2026
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