Was für eine Perspektive...

 

Yuval Noah Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 112017

Lese-Notizen

 

  • Harari [im folgenden: H.] propagiert offensichtlich die Übernahme einer „Weltanschauung“ im weiteren und engeren Sinne des Begriffs. Dabei schreibt er, bei aller, auch ein wenig zur Schau getragenen, polyhistorischen Belesenheit, unterhaltsam – unterhaltsamer als wir beide zusammen es in unseren Texten ‚hinkriegen‘. Das Unterhaltsame zehrt nicht zuletzt von dem ironischen, auch selbstironischen Tonfall, der seine Schreibe weitgehend durchzieht.
  • Nicht zuletzt dieser Tonfall ist es aber auch, der den Leser (allzu) oft in die Schwebe des Zweifels daran versetzt, womit eigentlich H. in seinem Buch ‚beim Wort genommen‘ werden will oder was als lediglich gedanken-mobilisierendes Wort-Spiel gemeint ist. H. kennt – selbstverständlich – die Unterscheidung von Beteiligten und Beobachtern, weiß sich als Autor mal in dieser, mal in jener „Rolle“ zu inszenieren, bevorzugt aber deutlich die des „Beobachters“. Insofern erscheint die oben gewählte Metapher der „Weltanschauung“ als besonders bezeichnend für das von ihm propagierte Weltverhältnis, in dem sich zu arrangieren er „dem Menschen“ nahe legt.
  • Apropos „der Mensch“. Zwar gefällt sich der Autor H., seiner Professionalität als Historiker entsprechend, immer wieder in der demonstrativen Ausbreitung von phänomenalen Details (auch auf Verblüffungseffekte spekulierend: mit Mammuts und Kaninchen, der für ‚Menschen‘ verschlossenen Echo-Welt von Fledermäusen und der Schlacht am Isonzo) – aber den Roten Faden seiner Darstellung von „Universalgeschichte“ bilden doch GROSS-Begriffe, angefangen vom evolutionstheoretischen Kollektivsingular „Homo Sapiens“ selbst wenn er (wenn’s passt um ‚wissenschaftliche‘ Selbstmissverständnisse zu decouvrieren) auch gelegentlich Wert legt auf Verallgemeinerungen of middle range wie „WEIRD“ [478]). Eine, freundlich ausgedrückt, changierende Darstellungsstrategie, die in einer schwierigen Spannung steht zum m.E. wichtigsten argumentativen Instrument der Herstellung seines Entwurfs. (Die analytische Unterscheidung von Darstellung und Herstellung ist erprobt in meiner frühen Studie zu Niklas Luhmann, und jenes ‚Instrument der Herstellung‘ wurde dort als „Grundoperation“ aufgewiesen. Die Assoziation H.s mit Luhmann ergibt sich zwanglos aus dem funktionalistischen Grundgestus von H.)
  • Die Basis-Annahme von H.s Konstruktion der „Wirklichkeit“ ist mehrteilig: es gibt organisches Leben mit Selbsterhaltungsimpulsen inmitten anorganischer Substanzen – im Zusammenspiel dieses Da-Seins aus ‚Notwendigkeit‘ und ‚Zufälligkeit‘ (Darwins evolutionstheoretische Schlüsse sind zweifelsfreies Dogma) entfaltet sich á la longue in derjenigen Kompilation von Organischem, die später „Mensch“ (und noch später: homo sapiens) genannt wird, ein „Bewusstseinsstrom“ (385) als reflexive Thematisierung von „Wirklichkeit“ – die Reflexionsleistung besteht darin, Wahrnehmungs-„Daten“ [!] von Da-Seiendem zu Elementen zu aggregieren, die den „Bewusstseinsstrom“ strukturieren.
  • H.s „Grundoperation“ besteht in der De-Komposition und Re-Aggregation jener ‚Elemente‘. Prominente Kandidaten universalgeschichtlicher Fehl-Aggregation sind im Buch: „Ich“, „Freiheit“, „Mensch“, „Individuum“ u.a.m. Den (imaginierten!) offenen Ausgang der Universalgeschichte erschließt die begriffliche Transformation des „Bewusstseinsstromes“ zum „Datenstrom“ (497), ja „Informationsfluss“ (515).
  • Das Zusammenwirken von Basis-Annahme und Grundoperation (die den funktionalistischen Grundgestus operationalisiert) ermöglicht die provokativen Thesen H.s: die Entspezifikation von da-seienden Phänomenen incl. des sog. „Menschen“ zu Verkörperungen des allein wesentlichen Ideals eines „Algorithmus“ – und die Projektion der evolutionären Religions-Folgegestalt des „Dataism“.
  • Zur Plausibilisierung von H.s Darstellung tragen diverse weitere argumentative ‚Kniffe‘ bei, deren Anwendung reflexionsgeschichtlich unausgewiesen bleibt:
    • Die Erhebung des „Anthropozän“ zum Leitbegriff von ‚Kapitel 1‘ legitimiert die Perspektive der „mensch“lichen Leser*innen auf die gegenwärtig „gefühl“ten DaSeins-Probleme.
    • Historisch emergente „Religionen“ (terminologisch oft, pars pro toto: „Götter“ – obwohl der Universalhistoriker J Wert darauf legt, auch Buddhismus und Konfuzianismus mitzubegreifen) werden konsequent funktionalistisch aufgefasst: als soziale Vorkehrungen zur mentalen Sicherung von Bestandserhaltung (und Weiterentwicklung) der physischen Subsistenz des „Menschen“. – Das ermöglicht, die (step by step) globale Etablierung des „Humanismus“ als gesellschaftliches Folge-Konzept nach den Akzeptanz-Einbußen bloß positiver „Religionen“ aufzufassen und bereitet die gedankliche Reibungslosigkeit der prognostizierten Umbesetzung von „Mensch“ durch „Algorithmus“ vor.
    • Was im universalgeschichtlichen Rückblick als „eigentliche religiöse Revolution der Moderne“ („den Glauben an die Menschheit zu gewinnen“! [303]) etikettiert wird, wird in einem weitergehenden Schritt funktionaler Abstraktion als Ersetzung „menschen“-externer „Autorität“ durchs „menschen“-interne „Gefühl“ von Stimmigkeit beschrieben, und zwar mit Relevanz für die Orientierung im ‚Erkennen‘ wie im ‚Handeln‘. – In noch weiter getriebener Abstraktion könnte von Austausch von Passivität („Hörigkeit“) durch Aktivität („Arbeit am Selbst“ [würde nicht „Selbst“ als Fehlaggregation schon H.s Grundoperation unterlegen sein]) die Rede sein – indes scheint unter den spekulativen Bedingungen der prognostizierten Korrespondenz von „Algorithmus“ und „Dataism“ die Differenz von Passivität und Aktivität selber obsolet geworden zu sein.
    • Die flächendeckend maßgebliche szientifische Auffassung von „Wissenschaft“ (der gegenüber „text“-gebundene ‚Wissenschaften‘ durchweg als evolutionär zurückgebliebene mentale Aktivitäten des „Menschen“ ‚vorgeführt‘ werden).
    • Es mag als ‚Nebenfolge‘ J dieser rigoros restriktiven Wissenschafts-Auffassung gelten, dass – jedenfalls für traditionelle ‚Geistesgeschichte‘ überraschend – spät und fast beiläufig neben den Wirklichkeits-Dimensionen des Objektiven und des Subjektiven die des „Intersubjektiven“ (199) in die Darstellung eingeführt wird. Immerhin! Auf irritierende Weise verblüffend bleibt aber, dass im Kapitelchen über „Das Sinngeflecht“ – schließlich etymologisch sinnreich mit „Text“ konnotiert – kein Wort über „Sprache“ und deren funktionalen Beitrag zur Phylogenese des „Menschen“ fällt. H. ist offensichtlich der Überzeugung, die differentia specifica (im Buch Kapitel 3 „Der menschliche Funke“!) zu den evolutionär engsten Verwandten, die Kooperationsfähigkeit (198), dartun zu können mit Referenz auf Affenforscher noch und noch – ohne (des nicht bloß in der engeren Zunft anerkannten, sondern auch vom globalen ‚Ober-Kommunikationsphilosophen‘ Habermas auffällig rezipierten Schimpansenforschers) Tomasello bemerkenswerte Ergebnisse zum qualitativen Übergang von Kommunikation durch Zeigegesten zu der durch „sprachliche“ Zeichen auch nur zu streifen.

 

  • Eine Erörterung der – wie das vor 2 Generationen gern genannt wurde – „futurologischen“ Prolongationen H.s und der sie stützenden angeblichen oder vermeintlichen ‚empirischen‘ Evidenzen des schon gelebten Lebens, gar ‚Gegendarstellungen‘ J, mögen auf einem anderen Blatt stehen. Die im Vorstehenden dargetanen Wahrnehmungen zur Konstruktionsweise des Buches und deren vor alternativen Darstellungen selbstimmunisierenden Effekten stützen Zweifel daran, dass derlei Kommunikationsversuche von H. überhaupt – das Schema doppelter Kontingenz unterstellt – angenommen werden würden.
  • Aber vielleicht sind solche argumentative Konsistenzerwartungen an gerade diesen Autor fehlplatziert? Vielleicht ist das von H. beherrschte Spiel mit Ironie und Selbstironie ernster gemeint als die Verblüffungseffekte, die er mit der virtuosen Handhabung seiner Grundoperation bei kognitiv traditionell sozialisierten WEIRDs auslöst? Vielleicht lenkt schon die Frage, was eigentlich H. „meine“, schon als solche vom Gemeinten ab – wie die nach der ‚Meinung‘ des Zeugen des „Ernstes“ der Existenz, des Autors Kierkegaard im Spiegelkabinett seiner Multiplen Identitäten von Victor Eremita über Johannes de Silentio bis Johannes Anti-Climacus? Fragen über Fragen, in die die „Schlüsselfragen“ (536f) hineinführen, mit denen H. die auf vorausgegangenen 535 Seiten ins (wie bitte?!?) „Bewusstsein“ geschmeichelten „Prozesse“ dem Verdacht eines Generaldementi aussetzt.

 

  • Vgl., anders kritisch, jüngstens: Johannes von Lüpke, Ersetzbare Götter. Theologische Erinnerungen in Bezug auf „eine Geschichte von Morgen“ (Yuval Noah Harari), in: EvTh 80, 2020, 351-362

 

© Frithard Scholz

03.11.2020