Ein leicht künstlich wirkender Begriff der sozialwissenschaftlichen Umgangssprache. In Charles Taylors Neuzeit-Analyse spielt er eine ‚strategische‘ Rolle.
Wobei in dessen Monumentalwerk „Ein säkulares Zeitalter“ (dt. 2009) die dank Hellmuth Plessner – im Prinzip seit 80 Jahren – etablierte Unterscheidung von „Körper“ und „Leib“ noch gar nicht angekommen scheint L.
Freilich: Unerschrocken bedacht, hat der ungewohnte Ausdruck auch etwas Selbsterklärendes. Wäre einem/r nach derlei Selbstgefühl, würde er die Notizblöckchen der ‚hinter der Couch‘ sitzenden Psychotherapeutinnen oder -peuten füllen. Schließlich suchen und finden die ‚ihren Platz‘ in der Regel auch am „Kopf-Ende“. Könnte man/frau länger drüber nachsinnen, jaja.
Aber Neinnein (das lassen wir mal hier J). Wer, wie Taylor, die innere Geschichte von 500 Jahren sog. Neuzeit um-erzählen will, braucht dafür nicht bloß knapp 1300 Suhrkamp-Seiten, sondern vor allem die Lizenz für gelegentliche Neologismen. Die dazu helfen können, Leser*innen den Blick zu öffnen für eine ungewohnte Betrachtungsweise – nach etlichen Jahrhunderten Meinungsführerschaft von „Subtraktionsgeschichten“ (so Taylors missmutiges label für seine theoretische Hauptgegnerschaft) nicht sooo einfach.
Wobei: Was oben „Entkörperung“ genannt wurde, behutsam ‚eindeutschend‘, heißt bei Taylor (bzw. dessen verdienstlichem Übersetzer J.Schulte) „Exkarnation“.
Damit ist eine bibliothekenfüllende Wirkungsgeschichte auf den Plan gerufen.
Offensichtlich spielt Taylor an auf „Inkarnation“, die lateinisch-begriffliche Generalisierung des biblischen ‚Offenbarungs‘-Satzes Joh 1,14a. Die Bibel-Exeget*innen diskutieren schon „eeewig“: Was bitte bedeutet hier, für den „Johannes“-Evangelisten, „σαρξ“ (und das im biblischen QuerVergleich mit der anders disponierten Denke des Apostels Paulus!)? die die später sog. „Protestanten“ über Jahrhunderte quasi-dogmatisiert haben? Meint „σαρξ“ (lat. caro) eine schöpferseitige Gegebenheit des DAseins oder eine moralisch vorwerfbare Abweichung Einzelner vom für Alle Gesollten?
Taylors Begriffsstrategie zielt darauf, die evidente Ent-„Gott“ung des „säkularen Zeitalters“ großflächiger begreifbar zu machen. Also sich nicht mit der Selbstdeutung der sog. Neuzeit
Taylors Frage: „Warum war es im Jahre 1500 praktisch unmöglich, nicht an Gott zu glauben, während es im Jahre 2000 vielen von uns nicht nur leichtfällt, sondern geradezu unumgänglich vorkommt?“.
zu begnügen, die alles Folgende mit Descartes‘ „cogito sum“ beginnen lässt. Vielmehr erkennt Taylor einen Groß-Prozess im Gange (von dem der Descartes zugeschriebene Neuanfang allenfalls eine prominent gewordene Emergenz sei!), in dem der maßgebliche „Wandel in unserem Weltgefühl“ (60) erwachsen ist. Das gewandelte „Weltgefühl“, das ein „säkulares Zeitalter“ erst ermöglicht habe, zeichnet sich lt. Taylor aus durch zuvor ungekannte Selbstverständlichkeiten wie: die Unterscheidung von Innen und Außen, die Separation des „Geistes“ von der Welt der „Dinge“, oder dass die Leibhaftigkeit des Selbst zum (z.B. ‚medizinisch‘…) behandelbaren „Ding“ vergegenständlicht wird.
So gesehen, dürfte der Ausdruck „Entkörperung“ an auch sozialwissenschaftlicher Plausibilität gewonnen haben – sogar als Charakteristikum eines „säkularen“ Zeitalters, das leichthin als von der Prädominanz ‚materialistischer Weltanschauung‘ geprägt wahrgenommen wird.
© Frithard Scholz
28.05.2026