Perspektivenwechsel

 

 

„Inseln“. So pflegen wir Landbewohner erdige Territorien zu nennen, die rundum von Wasser umgeben sind. Relativ kleine, oder auch ausgedehntere wie z.B. die sog. „Britischen Inseln“. Scheint nur zu selbstverständlich. Diese Eindeutigkeit ist aber eine optische Täuschung.

 

Mit kaum weniger Recht ließen die sich (darf man gar sagen „in Wirklichkeit“?) auch als die obersten Höhenregionen unterseeischer Gebirge betrachten – so hoch, dass sie über die Wasseroberfläche hinausragen, für Wasserbewohner kaum erreichlich u.ä..

 

Verrückt, was? Allein schon die Erwägung klingt nach hemmungsloser Gedankenspielerei eines Schreibtischtäters, die nix mit dem sog. wirklichen Leben zu tun habe, „nicht wahr“? Aber Vorsicht! Derlei Kopfschütteln könnte lediglich landbewohnerische Befangenheit ausdrücken. Hält doch das wirkliche Leben Gegenbeispiele parat:

 

Um gleich bei den schon erwähnten „Britischen Inseln“ zu bleiben: Die (im engeren Sinne sog.) „Briten“ sind traditionell gewohnt, das Ihre kategorial von allem anderen „Europa“ zu unterscheiden, das auf den „Inseln“ „Kontinent“ genannt wird, Bisweilen mit geringschätzigem Unterton. Ein Perspektivwechsel vergleichbaren Typs; Zeitungsleser der 2020er Jahre sind um Auskunft zu dessen politikwirksamer Aktualität nicht verlegen.

 

Oder, um den Blick weitläufiger schweifen zu lassen: die Erforschung des Meeresgrunds. Wissenschaftsgeschichtlich eine ‚junge‘, auch empirisch ungeübte Disziplin. 1960 „eröffnet“, durch Jacques Piccards spektakuläre Tauchfahrt mit dem „Bathyscaph“, verlor sich das öffentliche Interesse daran über etliche Jahrzehnte. Erst jüngstens scheint es sich zu ‚drehen‘. Seit Meeresgrund-Forscher Informationen über mögliche Fundstellen mit dem steigenden wirtschaftlich-politischen Interesse an sog. „Seltenen Erden“ ‚kurzschließen‘ konnten. Landbewohnerisch betrachtet, könnte das „Meer“ als kommunikativer Störfall gelten, wenn auch über Jahrhunderte ‚hantierbar‘ gemacht – Schifffahrt, Tiefsee-Telefonkabel und das. Aber so?

 

Der ‚verrückte‘ Perspektivenwechsel könnte sich als ‚normale‘ Option der Betrachtung des wirklichen Lebens entpuppen.

 

© Frithard Scholz

28.08.2026