unter kleinfamiliärer Lupe
von Frithard Scholz
Dabei ist Vf. (grammatisch hier zwischen Erster und Dritter Person wechselnd) selber nicht das Beispiel.
Zwar sind meine Eltern (1901-1985 bzw. 1907-1984) in der Folgezeit des Zweiten Weltkriegs in Europa unfreiwillig „nach Westen“ migriert: vom vormaligen Niederschlesien ins Südwestfälische ‚verschlagen‘. „Vertrieben“ war seit 1946 und lange Jahre danach noch der [naklar: ‚deutsche‘] „öffentliche Terminus“ dafür – erinnert sich noch WER an den „BHE“ ( = Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“), die bundestagsmehrheits-beschafferisch relevante Kleinpartei der 1950er? „Vertrieben“, klar, von „den Polen“. Aber die, die – wo sollten die denn sonst hin, nachdem die Bestimmer von Jalta einen ziemlich breiten Streifen im Osten ‚ihres Landes‘ der besitzergreifenden seinerzeitigen „USSR“ zugesprochen hatten?
Selber habe ich später – „Lehr- und Wanderjahre“ [um Goethe zu zitieren] mal ausgenommen – ausgesprochen „ortsfest“ gelebt. Im nördlichsten Nordhessen – über 3½ Jahrzehnte (und 5 Dienst-Orte) hinweg in einem Umkreis von 30 km. (In den 1990ern erhielt ich nach+nach drei Beförderungsangebote, beruflich, die mich aber – „Residenzpflicht!“ – auch geografisch woanders hin befördert hätten, weiter weg vom Lebensort der Schwiegereltern. Alle freundlich abgelehnt.)
Aber dann die „angeheiratete“ Familie! Schwiegervater, Schwiegermutter, in den 1950er und 1960er Jahren kamen fünf Kinder hinzu.
Die Schwiegereltern (1924-2024 bzw. 1925-2018) selbst im Niederrheinischen ‚zu Hause‘ (selbst wenn die Schwiegermutter, Tochter in der kinderreichen Familie eines Missionars der damals so genannten Rheinischen Mission, zeitlebens einen Geburtsort auf Sumatra in ihren Papieren hatte), in den 1940ern bombenkriegs-evakuierungs-halber ins vergleichsweise ‚windstille‘ Waldecker Land verschlagen. Wo sie, jedenfalls so ungefähr, dann auch für den Rest ihres Lebens ‚hängen geblieben‘ sind: Nordhessen at its best. 1969 ein Häuschen für sich hingestellt, in einem 1300-Einwohner-Dorf an der Weser. Wo dann auch Mitte der 1980er der Schwiegervater, defacto Orts-Promi, als Schul-Rektor pensioniert wurde.
Mit dem Heranwachsen der Kinder gingen dann „Migration und Globalisierung“ erst recht los, alles aus einem relativ winzigen Nordhessen-Kaff.
Dies indes nur mäßig mit C. (mit der ich seit 1979 verheiratet bin, gut+gerne): Die für Akademiker*innen üblichen Lehr- und Wanderjahre. Seit 1979 passionierte Orts-Pfarrerin, überlange ‚Elternzeit‘ [avant la lettre] mal beiseite, hernach verschiedene Dienstposten… Aus family-Gründen in persona ziemlich ortsfest, aber funktional zuzeiten „waldkirchen“-weit am Werke.
Von den im Lebensalter unmittelbar nachfolgenden Geschwistern ist hier – Ahnungslosigkeit des Vf.! – eher zu schweigen: M. beruflich später Psychologe im Württembergischen, B. Gymnasiallehrerin (Sprachen) in Berlin [soweit’s in den 1980ern eine „Stelle“ für sie gab L]
Aber dann die schwiegerfamiliären „Nachkömmlinge“!
Schon bald hat die Schwiegermutter deren musikalische Begabung ’raus. Und ‚triezt‘ die Kleineren entsprechend.
P.M. soll Geiger werden, wird er auch. F. soll fürs Cello da sein, ist er auch. Inzwischen beide an der Pensionierungsgrenze, nahe dran oder darüber hinaus.
Profi-Musiker*innen wie die beiden unterliegen defacto einem „globalisierenden“ Trend: P.M. hat vor ca.20 Jahren eine via Kalifornien migrierte „Japanerin“ geheiratet, zwei [inzwischen erwachsene und überaus „kreativ“ tätige!] Kinder hervorgebracht – inzwischen, tja, förmlich geschieden und seit einiger Zeit mit einer -türkisch-stämmigen Alevitin verbandelt, S.… - Und F. (der mit dem Cello – lebt seit 30 Jahren defacto am Gardasee [Italien]), hat sich von einer jahrzehntelangen italienischen Lieblingsfreundin entbandelt: Generiert [hier ist der Wortsinn des neuerdings medien-populär gewordenen Fremdworts leibhaftig zutreffend!] mit einer jungen [Piano-]Kollegin (die altersmäßig seine Tochter sein könnte J und deren Eltern inzwischen statt in Verona in Shanghai leben), „S*“ (die inzwischen auch schon in Italien schulpflichtig ist…).
SO viel an geografischer Vielfalt auf einem kargen Erzählfaden! DAS mag reichen an autobiografischem Beleg für die ‚Erlebenshaltigkeit‘ der hier gewählten Überschrift „Migration, Globalisierung und so“. Ist derlei doch nicht bloß eine Intellektuellen-Kategorie, sondern „passiert ‚in echt‘“ – und die ‚Spinne im Netz[-werk]‘ ein nordhessisches Kaff: Vaake (naja, seit der Verwaltungsreform in den 1970ern eingedampft in die Administrativ-Kommune „Reinhardshagen“ J).
Wo schließlich "Migration und Globalisierung" auch nicht 'weit weg' sind, sondern bisweielen unter einem Dach 'zu Hause'.
© Frithard Scholz
26.10.2026